|
Neuigkeiten:
Wie man ein
"guter" Patient ist
und
Therapie-erfahrungen einer älteren Patientin (Maria H.) unter
Patientenberichte |
|
|
|
|
Das Myelom |
II. Diagnostische Verfahren
Welche Untersuchungen sind bei Verdacht
auf ein Multiples Myelom notwendig?
Die Diagnostik bei malignen Plasmazellerkrankungen fußt neben
einer sorgfältigen Erhebung
der Vorgeschichte des Patienten
(Anamnese) und der körperlichen Untersuchung auf folgenden
drei Säulen:
- Laboruntersuchungen an Blut- und Urinproben
- Knochenmarkuntersuchungen
- Bildgebung zur Darstellung des Skelettsystems (der Knochen)
|
|
- Laboruntersuchungen an Blut- und Urinproben
Die nachfolgend aufgeführten Laborparameter sind für Patienten
mit MM besonders wichtig, da:
- auf ihnen die Diagnose incl. Stadieneinteilung fußt
- auf ihnen eine Therapieentscheidung basieren kann
- an ihnen das Ansprechen auf eine Behandlung abgelesen werden kann
- sie die Prognose des Patienten mitbestimmen.
Im Einzelfall kann u.U. die Bestimmung weiterer Laborparameter notwendig sein.
- Eiweißbestimmung (Proteinbestimmung)
Bei nahezu allen Patienten mit MM produzieren die
Myelomzellen Immunglobuline (Antikörper), die aus schweren und
leichten Eiweißketten
aufgebaut sind. Mit der Immunfixations-Elektrophorese
(kurz „Immunfixation“)
lässt sich nachweisen, dass ein erhöhter Eiweißwert
im Blut auf die Anwesenheit untereinander identischer
Plasmazellen (sogenannte „klonale“ Zellen, also Tumorzellen)
zustande kommt, was als monoklonale Gammopathie
bezeichnet wird („positive
Immunfixation“ mit Nachweis klar umschriebener Banden; Abbildung
1).

Abbildung 1:
Negative (normale; links) und positive (krankhafte, rechts) Immunfixations-Elektrophorese.
Als positiv gilt eine Immunfixation bei Nachweis klar umschriebener Banden (Pfeile).
Im vorliegenden Fall existiert ein Paraprotein vom Typ IgG Lambda.
Bei erstmaligem Nachweis eines
monoklonalen Proteins („Paraprotein“)
im Labor muss immer eine gutartige oder bösartige Bluterkrankung
ausgeschlossen werden. Es gibt unterschiedliche „Paraproteine“,
wobei die häufigsten die vom Typ IgG und IgA sind. Werden von
der Tumorzelle nur leichte Ketten des Immunglobulins
gebildet, spricht man von einem Leichtketten-Myelom
(oder Bence Jones-Myelom). Bei vielen internistischen
Erkrankungen (Lebererkrankungen, rheumatischen
Erkrankungen) kann es zu einer Erhöhung
des Gesamteiweißwertes
im Blut kommen, ohne dass dies Folge einer Plasmazellerkrankung
ist (polyklonale Immunglobulinvermehrung).
Die Mengenbestimmung (Quantifizierung) des Paraproteins
spielt bei der Betreuung von Myelompatienten eine wichtige Rolle,
da in den meisten Fällen die Menge des Paraproteins die Aktivität
der Erkrankung widerspiegelt (ansteigende Eiweißwerte = zunehmende
Krankheitsaktiviät, abfallende Eiweißwerte = rückläufige
Krankheitsaktivität, z.B. unter erfolgreicher Therapie). Die
Paraprotein-Quantifizierung kann mittels einer Serum-Eiweißelektrophorese
oder direkt „nephelometrisch“ erfolgen (Abbildung 2).

Abbildung 2:
Nephelometrische (oben) elektrophoretische (unten)
Bestimmung der Paraproteinmenge. Häufig ist zunächst eine Vermehrung
des Gesamteiweißes im Blut
(Protein) auffällig. Im vorliegenden Fall besteht eine ausgeprägte
Vermehrung von IgG bei einem IgG-Myelom. Die
Immunglobulin-(Gammaglobulin-) Fraktion der Elektrophorese des Patienten
(rechts) ist deutlich erhöht (hohe
Zacke; M-Protein).
Bei Leichtketten-Myelomen erfolgt die Bestimmung des Tumoreiweißes
aus einem Sammelurin (Leichtketten können den Nierenfilter überwinden
und werden im Urin ausgeschieden), was mit einem gewissen Aufwand
für die Patienten und überdies mit einigen Messungenauigkeiten
behaftet ist. Komfortabler und präziser ist die Bestimmung der
freien Leichtketten im Serum mit dem seit kurzem verfügbaren „Freelite“-Test.
Die Immunfixations-Elektrophorese gilt heute noch
als die empfindlichste Routine-Messmethode zum Nachweis monoklonaler
Eiweiße. Eine vormals positive und unter Therapie negative Immunfixations-Elektrophorese
zeigt ein sehr weitgehendes Zurückdrängen der Myelomerkrankung
an („komplette Remission“).
- Blutbild
Am Blutbild lassen sich Störungen der Blutbildung, v.a. der Produktion roter
Blutkörperchen (Anämie) ablesen. Eine Blutarmut ist bei vielen Patienten mit
MM nachweisbar und ist nicht selten Folge verschiedener Probleme, die durch
die Myelomerkrankung verursacht werden können (Verdrängung/Störung der normalen
Blutbildung im Knochenmark durch Tumorzellwachstum oder Chemotherapie; verminderte
Produktion von Erythropoetin in der Niere bei Nierenfunktionsstörung, siehe unten).
- Nierenwerte (Kreatinin, Harnstoff)
Die Nierenfunktion ist bei vielen Myelompatienten eingeschränkt, nicht selten
besteht sogar die Notwendigkeit einer Blutwäsche (Dialyse). Die Nieren sind vor
allem durch einen erhöhten Anfall von Eiweißen (speziell: Leichtketten) gefährdet,
welche einerseits direkt schädigend (?toxisch") auf Nierenzellen wirken, zum
anderen regelrecht zu einer Verstopfung von Nierenkanälchen führen können. Darüber
hinaus können Nierenzellen durch einen erhöhten Anfall von Kalzium (siehe unten)
und vor allem auch die Verwendung nierenschädigender Medikamente (z.B.
bestimmte Schmerzmittel, etwa Diclofenac) geschädigt werden. Eine
eingeschränkte Nierenfunktion selbst kann zu einer Vielzahl von Problemen
führen, für Myelompatienten besonders relevant ist die verminderte Bildung
eines Wachstumshormons für rote Blutkörperchen (Erythropoetin) mit der Folge
einer Blutarmut (Anämie).
- Kalzium
Durch einen Knochenabbau im Rahmen der Myelomerkrankung
kommt es zu einem verstärktem Anfall von Kalzium im Blut (Hyperkalziämie).
Eine Hyperkalziämie kann zu gefährlichen Folgeerscheinungen
führen (Verschlechterung der Nierenfunktion, Herzrhythmusstörungen,
Störungen des Nervensystems), weshalb eine tumorbedingte Hyperkalziämie
auch als internistische Notfallsituation mit Notwendigkeit zur stationären
Behandlung angesehen wird.
- Knochenmarkuntersuchungen
Die Gewinnung von Knochenmarkproben kann prinzipiell auf zwei Wegen erfolgen:
- durch eine Knochenmark-Aspiration (Entnahme von flüssigem Knochenmark
durch eine Punktion des Knochenmarkraumes) unter örtlicher Betäubung.
Das flüssige Knochenmark wird auf Glasobjektträger ausgestrichen
und gefärbt. Anschließend kann der prozentuale Anteil von
Plasmazellen und deren Gestalt unter einem Mikroskop
begutachtet werden („Knochenmark-Aspirationszytologie“; Abbildung
3).

Abbildung 3:
Nachweis einer Plasmazellvermehrung im Knochenmark. Bei Gesunden liegt der Plasmazellanteil
im Knochenmark in der Regel bei max. 5%.
- durch eine Knochenstanze (Gewinnung eines Knochenzylinders). Die Knochenstanze
wird zunächst in einem mehrtägigen Prozess aufgearbeitet, eingebettet
und geschnitten. Die Beurteilung erfolgt häufig durch einen Facharzt
für Pathologie. Die Gestalt der einzelnen Zelle kann durch dieses
Verfahren im Vergleich zur Knochenmarkzytologie weniger gut beurteilt
werden, es erlaubt jedoch eine bessere Beurteilung der Gesamtzusammensetzung
der Blutzellen im Knochenmark und die Durchführung bestimmter Färbungen,
die im Einzelfall zur Charakterisierung der Erkrankung notwendig sein
können. Um die Diagnose einer bösartigen Plasmazellerkrankung
zu stellen, ist in der Regel die Knochenmark-Aspiration
ausreichend.
Für die Verlaufsbeurteilung ist eine Knochenmarkuntersuchung
meist nicht zwingend erforderlich. Im Rahmen von Therapiestudien
kann eine Verlaufsuntersuchung des Knochenmarkes gefordert
werden, um das Ansprechen auf eine Studienbehandlung möglichst
exakt zu bestimmen. Eine Knochenmarkpunktion kann unter
Umständen auch zur Gewinnung von Frischmaterial (z.B.
zur Durchführung genetischer Analysen) notwendig sein.
Die Knochenmarkpunktion ist in der Hand des erfahrenen
Untersuchers und unter lokaler Betäubung ein meist
wenig schmerzhaftes, unkompliziertes Verfahren.
- Bildgebung zur Darstellung des Skelettsystems (der Knochen)
Der Einsatz bildgebender Verfahren dient an erster Stelle
dem Nachweis von myelombedingten Knochenveränderungen.
Diese treten typischerweise in Form sogenannter Osteolysen
(örtlich umschriebener Knochenauflösungszonen;
Abbildung 4),

Abbildung 4:
Darstellung von Osteolysen (umschriebene Knochenauflösungszonen) am Schädel sowie an langen Röhrenknochen.
nicht selten in Form einer Osteoporose (diffuse
Verminderung der Knochensubstanz) auf. Klassisches bildgebendes
Verfahren ist nach wie vor das konventionelle Röntgen
zur Darstellung des Schädels, der Wirbelsäule,
des Beckens sowie der langen Röhrenknochen (Oberarmknochen,
Oberschenkelknochen). Allerdings ist dieses Verfahren mit
einer Reihe von Nachteilen bzw. Einschränkungen behaftet:
es ist relativ aufwendig und strahlenbelastend. Darüber
hinaus wird eine myelombedingte Knochenzerstörung
oft erst sichtbar, wenn 50-75% der Knochensubstanz abgebaut
ist. Aus diesem Grund wird bereits seit einiger Zeit die
Wertigkeit moderner bildgebender Verfahren beim MM untersucht.
Hierzu zählen die Computertomografie (CT), die sich
besonders zur Beurteilung von Knochensubstanz bei Verdacht
auf eine Instabilität des Knochens mit drohender Bruchgefahr
(z.B. der Wirbelsäule) eignet und die Magnetresonanztomografie
(MRT), die besonders gut Weichteile (z.B. Nervenstränge)
abbildet. In Entwicklung befinden sich darüber hinaus
PET-Verfahren (Positronen-Emissions-Tomografie), die in
der Lage sind, Stoffwechselaktivität von Tumorzellen
abzubilden, sowie die Kombination dieser Technologie mit
der CT (PET/CT-Technik; Abbildung 5).

Abbildung 5
Darstellung von Myelommanifestationen mittels PET/CT. Die PET ist
ein Verfahren, welches auf der gesteigerten Stoffwechselaktivität von Tumorzellen beruht
(links). Kombiniert wird die PET mit einem Verfahren zur Darstellung der Knochensubstanz
(CT; rechts), wodurch eine exzellente Abbildung von Myelomherden im Knochenmark
und außerhalb des Knochenmarks möglich wird.
Der Stellenwert der
letztgenannten Verfahren als Screeningverfahren, welches
bei allen Patienten bei Beginn der Erkrankung und zur Verlaufsbeurteilung
eingesetzt werden könnte, wird derzeit noch – nicht
zuletzt auch vor dem Hintergrund ihrer Kosten – untersucht.
Dr. med. Peter Liebisch, Facharzt für Hämatologie und Internistische
Onkologie, aktualisiert September 2007 |
|
| < zurück
zu I. Definition, Epidemiologie, Symptome |
|
weiter zu > III. Prognostische
Faktoren |
|
|
|